14. Oktober 2021

Stricklatein

Wer sich viel im Internet und insbesondere in den sozialen Netzwerken sowie Foren bewegt, der wird früher oder später zwangsläufig mit seltsamen Buchstaben-Aneinanderreihungen konfrontiert. Dies sind meist Abkürzungen für englische Phrasen, die sich jedoch auch im deutschen Sprachraum immer mehr durchsetzen. LOL beispielsweise bedeutet nichts anderes als „Laugh Out Loud“, also laut loslachen. Ist man mit diesen Begriffen jedoch nicht so vertraut, hat man wenig zu lachen, und das gilt auch für die Welt der Handarbeit. Denn in Fachkreisen, zum Beispiel bei Ravelry oder lokalen Stricktreffs, kann sich die Kommunikation mitunter gerade für Anfänger als schwer verständlich erweisen … Dabei ist es eigentlich ganz leicht: diese kleine Einführung ins Stricklatein hilft Dir bestimmt weiter!

FO – Finished Object
Ganz einfach, denn die Abkürzung passt sogar auf die deutsche Übersetzung: Fertiggestelltes Objekt. Gemeint ist also einfach, dass das Strick- oder Häkelprojekt vollständig abgeschlossen ist. Inklusive Fäden vernähen cheeky … Im Gegensatz zum FO stehen die Begriffe OTN, PHD, WIP und UFO.

OTN – On The Needles
Wörtlich übersetzt heißt das „Auf den Nadeln“ – und ist somit eigentlich selbsterklärend, nämlich jedes Projekt, das aktuell Nadeln belegt. Es kann sich dabei um ein PHD, WIP oder auch ein UFO handeln.

PHD – Project half done
PHD meint im Handarbeitskontext nicht etwa den wissenschaftlichen Doktorgrad, sondern heißt wörtlich übersetzt „Projekt halb fertig“.

WIP – Work In Progress
Unter einem WIP versteht man ein Strick- oder Häkelprojekt, das sich aktuell in Arbeit befindet. Beispielsweise eine Strickjacke, an der man regelmäßig abends oder am Wochenende weiterarbeitet. Selbst wenn man zwischendurch ein kleineres Projekt einschiebt, etwa ein Paar Socken, oder ein paar Tage nicht zum Stricken kommt, bleibt die Jacke ein WIP, sofern aktiv der Wille besteht, sie fertigzustellen. Das heißt, selbst wenn gerade nicht aktiv daran gearbeitet wird, ist das WIP ein Projekt, das in den Gedanken präsent ist. Im Gegensatz dazu steht oft das UFO.

UFO – UnFinished Object
Jedes Projekt, das sich auf den Nadeln (OTN) befindet und somit noch kein fertiggestelltes Objekt (FO) ist, ist im wörtlichen Sinne ein unfertiges Objekt, kurz ein UFO. Nach dieser Definition wäre aber auch ein Handarbeits-Projekt, das sich in Arbeit befindet (WIP) aber noch unfertig ist ein UFO. Und das ist nicht ganz korrekt.
Bei den „nadel-belegenden Projekten“ (OTN) wird nämlich unterschieden, ob generell aktiv daran gearbeitet wird – dann ist es ein WIP – oder ob etwas begonnen wurde und dann unfertig für längere Zeit still liegt und zeitweise keinerlei Beachtung findet – dann handelt es sich um ein UFO. So ein UFO kann Wochen, aber auch Monate oder Jahre ein halbfertiges Dasein fristen … Etwa weil ein anderes Projekt reizvoller war, das Garn ausging oder Zeit oder Lust fehlte.

Besonders charakteristisch sind UFOs für den Personenkreis der „Multi-Projekt-Arbeiter“. Denn wer nicht diszipliniert erst ein Projekt fertigstellt, bevor das nächste gestartet werden darf, hat mehrere Projekte parallel auf den Nadeln (OTN), wovon manche mehr Aufmerksamkeit bekommen als andere. Es kann also sein, dass ein WIP zum UFO wird. Es sei denn es wird regelmäßig aktiv an allen Projekten im Wechsel gearbeitet … Aber vielleicht kristallisiert sich das Lieblingsprojekt heraus, ein anderes bleibt dafür auf der Strecke … gerät vollkommen in Vergessenheit.

URO/UO – Un-recognized Object
Es kann sogar vorkommen, dass man nach Urzeiten ein UFO findet, von dem man nicht mal mehr weiß, was es eigentlich ursprünglich mal werden sollte. In diesem Fall spricht man auch von einem Un-Recognized Object, unerkannten Objekt, kurz URO oder UO. Sofern die Erinnerung zurückkommt, wird es wieder zum UFO, oder sogar erneut zum WIP, wenn der Ehrgeiz zupackt. So kann es also durchaus sein, dass am Ende doch etwas Fertiges daraus entsteht (FO). Ein Projekt kann also durchaus zahlreiche Stadien durchlaufen, und beliebig oft den Status zwischen WIP und UFO ändern. Gründe dafür sind vielfältig, zum Beispiel kann es am SSS liegen.

SSS – Second Sock Syndrom
Das „Syndrom der zweiten Socke“ ist ein weit verbreitetes Phänomen, das sich dadurch äußert, dass die zweite Socke eines Paares sehr viel schleppender von der Nadel geht, als die erste – oder gar nicht erst begonnen wird. Wer ein neues Projekt startet, ist normalerweise voller Elan und freut sich auf den Farbverlauf des Garns oder das neue Muster. Wenn dann aber die erste Socke geschafft ist, fehlt manchmal die Motivation, die zweite zu beginnen oder fertig zu stellen. Schließlich ist sie im Normalfall einfach nur die 1:1 Kopie der ersten Socke, und damit wesentlich langweiliger zu stricken. Manche StrickerInnen schieben dann erst ein anderes Projekt ein, bevor sie den zweiten Strumpf stricken. Einzelne Socke … klassischer UFO-Fall! Mit etwas Glück bekommt sie aber eines Tages ein Gegenstück.
SSS könnte genauso gut die Abkürzung für Second Sleeve Syndrome sein, also Syndrom des zweiten Ärmels, denn letztlich betrifft dieses Problem all jene Projekte, bei denen zwei gleiche Teile fertiggestellt werden müssen: Socken, Ärmel, Handschuhe, Hosenbeine … TAAT könnte die Lösung darstellen.

TAAT – Two At A Time
Zwei gleichzeitig – möglicherweise das Wundermittel gegen das SSS und damit auch eine Vermeidung allzu vieler UFOs. Wer seine zwei Socken, Ärmel oder sonstigen gleichen Strickstücke parallel anfertigt, schlägt zwei Fliegen mit einer Klatsche. Zum einen kann es nicht passieren, dass die Motivation für Teil zwei fehlt – es dauert zwar länger, bis überhaupt ein Ergebnis sichtbar ist, aber wer durchhält hat sein Paar direkt komplett. Zum anderen werden beide Teile wahrscheinlich sehr identisch wenn man TAAT strickt. Je länger Socke oder Ärmel Nummer eins als UFO gefristet hat, bevor Nummer zwei nachkommt, desto größer ist das Risiko, diesmal etwas anders zu machen, weil man sich schlichtweg nicht mehr erinnert oder die Anleitung verloren hat. Bei TAAT kann das nicht passieren.

DPN – Double Pointed Needles
Wörtlich bedeutet das so viel wie “Nadeln mit doppelten Spitzen”, gemeint ist nichts anderes als ein Nadelspiel. Man hört diesen Ausdruck somit oft im Socken-Kontext.

LYS – Local Yarn Shop
Wörtlich übersetzt heißt das „Lokales Garn Geschäft“. Das LYS ist also der „Wolldealer des Vertrauens“, das heißt das Lieblingsgeschäft in der Nähe, wo man gerne regelmäßig sein Garn kauft,  – sei es für ein konkretes Projekt, einen CAL/KAL oder um den Stash aufzustocken – und wo oftmals auch Events stattfinden, etwa Workshops oder Stricktreffs.

CAL/KAL – Crochet-A-Long/Knit-A-Long
Warum allein häkeln (crochet) oder stricken (knit), wenn es auch zusammen (along) geht? In Zeiten der Globalisierung und Digitalisierung bedeutet das aber oft nicht mehr, dass man sich physisch trifft. Stattdessen wird das virtuell gemeinsame Handarbeiten immer beliebter und aufgrund der weltweiten Vernetzung auch einfacher.
Bei einem CAL oder KAL finden sich Menschen, die zeitgleich an dem gleichen Projekt arbeiten, jeder für sich zu Hause und eben doch gefühlt zusammen. Dabei wird der Fortschritt in den Sozialen Medien – etwa in dafür gegründeten Facebook- oder Ravelry-Gruppen – dokumentiert und kommentiert. Zudem wird meistens ein Hashtag festgelegt, sodass alle Bilder der Teilnehmer einfach zu finden sind.
Angestoßen wird ein CAL/KAL beispielsweise von einem Designer, Blogger, Garnhersteller oder -geschäft (LYS). Normalerweise wählt dieser/s ein (ggf. eigenes) Design aus, empfiehlt das geeignete Garn und legt einen Starttermin fest. Wer teilnehmen möchte besorgt sich das Material und beginnt, sobald der CAL/KAL offiziell eröffnet ist. Oftmals wird die Anleitung auch erst zu diesem Datum bereitgestellt.
Je nach Projekt unterscheiden sich die Durchführungen der CALs/KALs: Bei einem Cardigan beispielsweise wird meistens zu Beginn gleich die ganze Anleitung geteilt und losgestrickt. Somit kann jeder in seinem Tempo arbeiten. Teilweise wird ein Datum festgelegt, bis wann das Teil fertiggestellt werden soll. Oftmals liest man jedoch, dass es sich um einen lockeren CAL/KAL handeln soll, ohne Zeitdruck, und dass Interessierte gerne auch noch nachträglich einsteigen dürfen.
Es gibt jedoch auch Varianten, bei denen die Zeit eine wichtigere Rolle spielt, da die Anleitung Stück für Stück in regelmäßigen Abständen bekannt gegeben wird. Patchwork-Decken beispielweise sind ein gutes Projekt, um verschiedene Muster zu kombinieren und die Anleitung dafür erst nach und nach preiszugeben. So hat jeder Teilnehmer ein klar definiertes Zeitfenster für die Fertigstellung eines Quadrates, bis die Anleitung für das nächste kommt. In den meisten Fällen sehen die Teilnehmer jedoch bevor sie starten, wie das fertige Projekt aussehen wird.
Es gibt allerdings auch so genannte Mystery CALs/KALs, bei denen man vorher nicht weiß, wie das fertige Häkel- oder Strickstück aussehen wird. Da die Organisatoren jedoch auch möchten, dass die Teilnehmer mit dem Projekt klarkommen und am Ende zufrieden sind mit dem Resultat, geben sie meistens gewisse Informationen vor. Etwa dass es sich um ein Tuch in folgender Größe handelt, diese oder jene Technik angewendet wird und insbesondere zu den Garnen muss natürlich vorab eine klare Info gegeben sein. Ähnlich wie im Patchwork-Decken-Beispiel wird dann an vordefinierten Daten ein Teil des Geheimnisses gelüftet, bis sich nach und nach das Gesamtbild ergibt. Hierbei steht also nicht nur das gemeinsame Handarbeiten im Vordergrund, sondern der „Wundertüten-Effekt“.

Stash
Stash ist zwar keine Abkürzung, sollte aber in dieser Liste dennoch nicht fehlen. Es bedeutet so viel wie Garn-Vorrat und bezieht sich somit auf all die Knäuel, die sich im eigenen Besitz befinden. Dabei handelt es sich meist nicht um das Garn, was gerade für ein WIP verwendet wird, sondern um all die Einzelknäuel oder auch Pullover-Mengen, die sich über die Monate und Jahre ansammeln. Ob dekorativ im Wollkorb, geordnet und sortiert im Regal oder mottensicher in dicht verschlossenen Plastik-Boxen – wer so richtig an der Nadel hängt, kann sich im LYS oft nicht zurückhalten und sammelt oder hortet gewissermaßen Garn.

Stash-busting
Wer so viel Stash gehortet hat, dass eine größere Wohnung her müsste um die Lagerprobleme zu lösen, der tut gut daran sich Projekte zu suchen, die sich aus dem vorhandenen Garnvorrat realisieren lassen. Es gibt zahlreiche Reste-Anleitungen sowie Ein-Knäuel-Projekte, die super dazu dienen, um den eigenen Stash zu reduzieren. Wann immer man den Garn-Berg schmälern kann, spricht man von Stash-busting. Es bedeutet auch, dass man danach wieder Platz für neues Garn hat cool

TINK
Egal ob man allein oder gemeinsam strickt – manchmal läuft was falsch … Liest man das englische Wort für stricken, KNIT, rückwärts, so ergibt sich TINK. Und es beschreibt auch genau diesen Prozess: das Gestrickte rückgängig machen bzw. zurück stricken. Dabei ist jedoch nicht ribbeln gemeint (siehe Frogging), sondern der Vorgang wenn die Maschen eine nach der anderen wieder aufgelöst werden, etwa um zu einem erspähten Fehler zu gelangen. TINK ist also der langsame, vorsichtige Vorgang der Auflösung von Gestrick, wobei das Projekt dabei die ganze Zeit auf der Nadel (OTN) bleibt.

Frogging
Hingegen bezeichnet Frogging den Vorgang des Ribbelns, bei dem die Nadeln aus dem Strickstück gezogen werden und blitzschnell die Arbeit der letzten Stunden, Tage oder Wochen rückgängig gemacht wird. Die Bezeichnung stammt vom Wort „frog“ was Frosch bedeutet. Warum? Während der Frosch im deutschen Sprachraum quakt, ertönen seine Laute im englischen Raum „ribbit, ribbit“. Und das wiederum klingt fast genauso wie „rip it, rip it“, also ribbel es, ribbel es.